Neben ihren elf Supercarriern verfügt die US Navy über zehn amphibische Angriffsschiffe als Basis für Expeditionseinheiten des Marine Corps, inklusive eines schlagkräftigen Kampfflugzeug-/Hubschrauber-Verbands.

Weltweit einsetzbare amphibische Kräfte sind aus Sicht des US Marine Corps weiterhin ein wichtiges Element der nationalen Verteidigungsstrategie. Diese Kräfte in Form einer Marine Expeditionary Unit (MEU) werden von den Schiffen einer Amphibious Ready Group (ARG) von der amerikanischen Ost- und Westküste aus über die Meere zu ihren Einsatzorten gefahren, um auf Krisen zu reagieren, mit Alliierten zu kooperieren, humanitäre Hilfe zu leisten oder schlicht die Stärke der USA als Supermacht zu demonstrieren.


Landing-Helicopter-Assault-Schiffe

Zentraler Bestandteil einer ARG ist ein amphibisches Angriffsschiff (LHD oder LHA), das von einem amphibischen Transportdock (LPD = Landing Platform/Dock) und einem Docklandungsschiff (LSD = Landing Ship/Dock) begleitet wird. Landing Helicopter Docks oder die neueren Landing-Helicopter-Assault-Schiffe sind dabei nichts anderes als flexibel verwendbare kleine Flugzeugträger mit einer Länge von 250 bis 260 Metern und einer Verdrängung von 41 300 bis 44 450 Tonnen, was ziemlich genau der französischen „Charles de Gaulle“ entspricht.


Luftkampfkomponente

Entsprechend besteht die Luftkampfkomponente (Aviation Combat Element = ACE) einer Marine Expeditionary Unit normalerweise aus 25 bis 30 Luftfahrzeugen, die offensive und defensive Aufgaben übernehmen können. Insbesondere geht es um die Durchführung von Landeoperationen, die Luftnahunterstützung von abgesetzten Bodentruppen, die Aufklärung und generell die Bekämpfung von gegnerischen Zielen im Umfeld der Operationen.



USS MAKIN ISLAND FLIGHT OPS


US Navy

MV-22 Ospreys haben die CH-46 ersetzt. Den Schwerlast-Part spielt weiterhin die Sikorsky CH-53E Sea Stallion.

Gemischte Staffel

Für die jeweiligen Einsatzfahrten wird eine rund 420 Mann starke Composite Squadron zusammengestellt, zu der neben den fliegenden Elementen auch die Logistik, die Wartung und die Führung zählen. Zentraler Bestandteil ist heutzutage meist eine Medium Tiltrotor Squadron mit einem Dutzend Bell Boeing MV-22B/C Osprey für den schnellen Truppen- und Materialtransport über einen Einsatzradius von bis zu 600 Kilometernohne Nachtanken. Die Ospreys können 24 voll ausgerüstete Marines oder 4535 kg Außenlast aufnehmen.


Sikorsky CH-53E Super Stallions

Mehr als die dreifache Last (16 330 kg) tragen die vier Sikorsky CH-53E Super Stallions, die allerdings statt 445 km/h nur 220 km/h schnell sind und auch nur 415 km weit kommen. Formal verbringen diese Riesenhubschrauber auch nur 24 Soldaten, doch die Kabine hat Platz für bis zu 55 Personen, was bei Hilfsaktionen wichtig ist.



USS America (LHA 6) And 31st Marine Expeditionary Unit Conduct VBSS Exercise


US Navy

Auch Kampfhubschrauber gehören zum Flottenmix. Hier eine AH-1Z vor dem Start.

Fliegende Kontrollstation

Zum Schutz der Transporthubschrauber gehören zur ACE auch vier Kampfhubschrauber des Typs Bell AH-1Z oder ältere AH-1W, die allerdings erst rund 230 km von ihrem Zielort vom Schiff aufsteigen können. Ergänzt werden sie von drei UH-1Y, die als fliegende Kontrollstation agieren sowie acht Soldaten transportieren können.


Harrier und Lightning II

Als Teil des ACE stehen heute auch kleine unbemannte Aufklärungsflugzeuge vom Typ RQ-21A Blackjack zur Verfügung, die sowohl von Schiffen aus fliegen als auch in Humvees an Land verbracht und dort beweglich eingesetzt werden können. Ihre Flugdauer beträgt maximal zehn Stunden bei einem normalen Aktionsradius von 50 NM. Bei Bedarf greift man zudem für allgemeine Unterstützungsaufgaben auf einige Sikorsky-MH-60S-Hubschrauber der US Navy zurück.



USS Essex Underway Operations


US Navy

Für den Betrieb mit der F-35B Lightning II müssen die LHDs umfangreich modifiziert werden.

Stealth-Eigenschaften

Die größte Schlagkraft haben aber natürlich die auf dem LHD/LHA stationierten Kampfflugzeuge. Dies waren lange Zeit ausschließlich ein halbes Dutzend McDonnell Douglas AV-8B Harrier II, die einen Einsatzradius von 555 km bieten. Der Harrier wird nun durch die Lockheed Martin F-35B Lightning II abgelöst, die mit ihren Stealth-Eigenschaften eine neue Qualität ins Spiel bringt. Noch können allerdings erst die „America“ und die „Tripoli“ sowie vier LHDs den Jet tragen. Derzeit wird die LHD 4 „Boxer“ umgebaut. Unter anderem muss das Deck verstärkt und gegen die große Hitzeeinwirkung des F135-Triebwerks geschützt werden.


Weitere LHA-Schiffe

Die Verfügbarkeit der F-35 und die Tatsache, dass die atomgetriebenen Flugzeugträger mit vielen Aufgaben überlastet sind, hat jüngst die Diskussion wieder angefacht, ob die Rolle der LHD/LHA nicht verändert werden sollte: weg von der Unterstützung von nicht in jeder Situation realistischen Landeoperationen hin zu Mini-Flugzeugträgern, die amerikanische Stärke demonstrieren können.


Amphibische Angriffsschiff „America“

Im vergangenen Herbst packte die Navy 13 F-35B auf das amphibische Angriffsschiff „America“. Der damalige Marine-Staatssekretär Spencer sagte später, das Schiff könne bis zu 20 Exemplare aufnehmen. „Zwanzig F-35 Bravos auf einem Amphib mit großem Deck. Das Verhältnis von Kosten zur Schlagkraft ist hier enorm“, so Spencer, der allerdings auch betonte, dass LHD/LHAs die großen Träger nicht ersetzen können. Ein Mix ist aber durchaus interessant – im Frühjahr jedenfalls wurde die LHA 6 „America“ ins Südchinesische Meer beordert, um die US-Präsenz aufrechtzuerhalten, als der Träger „Theodore Roosevelt“ (CVN 71) wegen der Corona-Pandemie in Guam über zwei Monate außer Gefecht war.


The John C. Stennis Strike Group, the Essex Amphibious Readiness Group and the 13th Marine Expeditionary Unit conduct integrated operations


US Navy

Schiffe der „Wasp“-Klasse verfügen über zwei seitliche Aufzüge. Je nach Einsatz variiert der Mix aus Hubschraubern und Kampfjets.

Erste große Einsatzfahrt

Die „America“ kam von ihrem neuen Heimathafen Sasebo in Japan, zu dem sie im Dezember 2019 von San Diego aus verlegt worden war. Von dort aus hatte sie im Juli 2017 ihre erste große Einsatzfahrt unternommen. Diese Tour führte die LHA 6 und ihre Begleitschiffe „San Diego“ (LPD 22) und „Pearl Harbor“ (LSD 52) in den Pazifik, den Indischen Ozean, den Golf und ans Horn von Afrika. Die 15th Marine Expeditionary Unit übte dabei unter anderem mit den Streitkräften von Singapur, Malaysia, Indien und den Vereinigten Arabischen Emiraten sowie vor Dschibuti mit Frankreich. „Unser Blau-Grünes-Team erwies sich immer wieder als professionelle und vielseitig einsetzbare Eingreif-truppe, ob auf See, am Himmel oder an Land“, sagte dazu Kapitän Rome Ruiz, Kommandant des Einsatzverbands. Das soll auch in Zukunft so bleiben, selbst wenn sich die Einsatzkonzepte mit der Zeit neuen Gegebenheiten anpassen sollten.


LHA 8 „Bougainville“

Die Flotte jedenfalls wird weiter ergänzt. Nachdem die LHA 7 „Tripoli“ im Juli in Dienst gestellt wurde, befindet sich derzeit die LHA 8 „Bougainville“ in Pascagoula, Mississippi, im Bau.


Exercise Alligator Dagger 2016


US Navy

Hovercrafts für Landeoperationen fahren direkt in ihren hinteren Hangar wie hier bei der LHD 8 „Makin Island“.

LHD – Daten

Werft: Huntington Ingalls Industries, Pascagoula, Mississippi
Schiffsbesatzung: 66 Offiziere, 1004 Seeleute (994 bei LHD 8)
Marinesoldaten: 1687
Antriebseinheit:
Zwei Dampfturbinen, zwei Wellen, 70 000 shp. Bei LHD 8 zwei LM2500+-Gasturbinen mit 70 000 shp plus zwei Hilfsmotoren
Wasserverdrängung: 41 300 Tonnen (LHD 1–4), 41 005 Tonnen (LHD 5–7), 42 440 Tonnen (LHD 8)
Länge: 253,2 m
Breite:
31,8 m
Tiefgang:
8,5 m
Höchstgeschwindigkeit:
22 Knoten (40 km/h)
Bewaffnung:
2 x RAM, 2 x Sea Sparrow, 3 x Phalanx-Kanone (nur zwei ab LHD 5), 4 x Mk 38 MG (25 mm – ab LHD 5).
Luftfahrzeuge:
Nominal 12 x MV-22 Osprey, 4 x CH-53E Sea Stallion, 6 x AV-8B oder F-35B, 3 x UH-1Y, 4 x AH-1W/Z
Landungsboote:
3 x LCAC oder 2 x LCU


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