Um das Geschäft mit dem Learjet 75 anzukurbeln, hat Bombardier die Version Liberty vorgestellt. Wo liegen die Stärken und die Schwächen des neuen Modells, das nur noch 9,9 statt 13,8 Millionen US-Dollar kostet?

Bei den Business Jets für die Langstrecke hat sich Bombardier in der jüngeren Vergangenheit mit einigen Neuheiten neu aufgestellt. Der Zulassung des Flaggschiffs Global 7500 im Jahr 2018 folgte im Herbst 2019 die Zertifizierung der nicht ganz so reichweitenstarken Schwestermodelle Global 5500 und 6500. Bei der Challenger-Reihe kommt ganz besonders das Modell 650 bei den Kunden gut an: 60 Auslieferungen waren es 2018, während sich 23 Betreiber für die 350 entschieden haben. Weniger solide schaut es allerdings im Einstiegssegment der Kanadier aus, wo das Geschäft mit dem Learjet 75 eher schleppend läuft.


GAMA-Report 2019

Ein Blick in den GAMA-Report 2019 zeigt, dass Bombardier mit dem Learjet 75 permanent Marktanteile verloren hat. Vorgestellt wurde der Nachfolger des Learjet 45XR auf der EBACE 2012, die Zulassung folgte 2013. Nach einem soliden Start sind die Verkaufszahlen stetig rückläufig: Waren es 2014 noch 33 Neuzulassungen, meldet die Herstellervereinigung für 2018 und 2019 nur noch je zwölf neue Learjet 70/75 in ihrer Statistik.


Auf Augenhöhe mit der Cessna Citation XLS+

Mit einer Reichweite von 2040 nautischen Meilen (3778 Kilometer) und Platz für bis zu neun Passagiere reiht sich der Zweistrahler auf Augenhöhe mit Mustern wie der Cessna Citation XLS+ ein – allerdings war Textron Aviation im Jahr 2018 bei diesem Modell mit 21 Auslieferungen wirtschaftlich deutlich erfolgreicher. Noch besser verkaufte sich die Cessna CJ3+ mit 37 Auslieferungen. Klassenprimus ist die Phenom 300, die der brasilianische Hersteller Embraer als erfolgreichsten Business Jet der vergangenen zehn Jahre bezeichnet: 53 Auslieferungen waren es allein 2018, mehr als 500 seit der Markteinführung im Jahr 2009.




Bombardier

Sechs Sitze bietet die Kabine.

Nur noch sechs Sitze

Bisher hatten die Modelle der Mitbewerber eine Gemeinsamkeit: Sie waren allesamt günstiger als der mit 13,8 Millionen US-Dollar als teuer geltende Learjet 75. Im Juli vergangenen Jahres hat Bombardier Aviation auf die sinkende Nachfrage mit einer überarbeiteten, im Preis drastischgesenkten Variante reagiert. Learjet 75 Liberty heißt das neue Modell, das nur noch 9,9 Millionen Dollar kostet und dessen Indienststellung für Mitte des Jahres geplant ist. Gleichzeitig hat sich der Hersteller darauf konzentriert, die Betriebskosten seines kleinsten Jets auf das Niveau der Mitbewerber zu senken.


„Sonderangebot“

Mit diesem „Sonderangebot“ möchte Bombardier jetzt die Karten neu mischen. „Unser Zielmarkt für den Learjet 75 Liberty ist einfach: jeder Betreiber von leichten Jets“, heißt es aus der Zentrale von Bombardier in Kanada auf die Frage nach der Zielgruppe. Angesichts des gesenkten Preises sei der Learjet 75 Liberty eine Option für eine Vielzahl möglicher Kunden. Zudem verweisen die Kanadier auf die Qualitäten des Musters, etwa bei der Reichweite, der geräumigen Kabine und dem, wie es heißt, besonders ruhigen Flugerlebnis. David Coleal, President von Bombardier Aviation, sagte: „Der Learjet 75 Liberty stellt für die Kunden im Segment der Light Jets einen Aufstieg dar.“




Bombardier

Das Bombardier Vision Flight Deck basiert auf dem neuesten Garmin G5000.

Rotstift angesetzt

Bei der Ausstattung hat Bombardier allerdings den Rotstift angesetzt. Die Zahl der Passagiersitze wurde von acht auf sechs reduziert, das Hilfstriebwerk für die Stromversorgung am Boden (Auxiliary Power Unit/APU) entfällt, und die Außenbeleuchtung gehört ebenso wie das Waschbecken in der Toilette nicht mehr zur Serie. Ein Update erhält dafür die Garmin-Avionik. Durch das reduzierte Gewicht konnte Bombardier die Reichweite um rund 70 auf 3852 Kilometer (2080 nautische Meilen) erhöhen. Gegen Aufpreis sind die in der Serie entfallenen Ausstattungsextras jedoch weiterhin erhältlich.



Bombardier

Besonders komfortabel geht es in der ersten Reihe zu.

Executive Suite

Bombardier sieht in der neuen Kabinenauslegung indes keine Sparmaßnahme, sondern betont deren Vorzüge. Als erstes Flugzeug seiner Klasse biete der Learjet 75 Liberty eine Executive Suite. Im Klartext: Die beiden Passagiere im vorderen Teil der Kabine genießen rund 90 Zentimeter Beinfreiheit. Es gibt dort ausziehbare Tische und eine ebenfalls ausklappbare Fußablage. Weiter hinten befinden sich vier weitere Sitze in Clubanordnung. Die Tür hinter der Galley gehört zur Standardkonfiguration des Learjet 75 Liberty. Einen Blick ins neu gestaltete Innere konnten Interessenten übrigens im Oktober 2019 auf der NBAA-BACE in Las Vegas werfen, wo ein Kabinen-Mockup auf dem Static Display ausgestellt war.


So Sicher wie ein Airliner

Stolz sind die Ingenieure bei Bombardier auch darauf, dass der Learjet 75 nach FAA FAR Part 25 zertifiziert ist und somit dem Standard von Verkehrsflugzeugen entspricht, während die meisten anderen Mitbewerber nach Part 23 zugelassen seien. Aktuell durchläuft das Modell Liberty die erforderlichen Tests, um in den kommenden Monaten an erste Kunden ausgeliefert zu werden. Im Zuge dieser Arbeiten hat die US-Luftfahrtbehörde FAA im Januar die neueste Version des Garmin G5000 für den Learjet 75 Liberty zertifiziert, mit dem das Bombardier Vision Flight Deck um neue Funktionen erweitert wird.


Arbeitsbelastung der Piloten reduzieren

Das aktualisierte Avionikpaket soll die Arbeitsbelastung der Piloten reduzieren, indem es sie beispielsweise mit vertikaler Navigation und Berechnungen für Start- und Landeleistung unterstützt. Optional ist die Technologie FANS 1/A+ erhältlich, die den Zugang zu den günstigsten Routen ermöglichen soll. Das Garmin Flight Stream 510 ermöglicht die drahtlose Übertragung von Flugplänen von Mobilgeräten direkt in die Avionik. Bombardier verspricht, bestehende Learjet 70 und Learjet 75 mit den neuen Features nachrüsten zu können.




Bombardier

Maximale Abflugmasse: 9752 kg

Standort Wichita

Gefertigt wird der Learjet 75 am Standort in Wichita, Kansas – dort hob 1963 der erste Learjet zum Erstflug ab. Sein Name prägte in den folgenden Jahrzehnten die amerikanische Geschäftsluftfahrt. Bombardier Aerospace übernahm die Learjet Corporation im Jahr 1990. Ebenfalls in Wichita produziert der Wettbewerber Textron Aviation seine Citation Jets.


MedEvac-Konfiguration

Anfang des Jahres meldete Bombardier den Verkauf zweier Learjet 75 Liberty an das Fargo Jet Center in North Dakota. Die beiden Jets sollen dort auf eine MedEvac-Konfiguration umgerüstet und nächstes Jahr an das polnische Luftambulanz-Unternehmen Lotnicze Pogotowie Ratunkowe mit Sitz in Warschau ausgeliefert werden. Die medizinische Ausrüstung steuert das ebenfalls in Fargo ansässige Unternehmen Spectrum Aeromed bei. Beim Kauf habe eine Rolle gespielt, dass der Business Jet den Anforderungen an Verkehrsflugzeuge entspricht, was bei medizinischen Einsätzen größtmögliche Sicherheit gewährleisten soll. Von Vorteil für den Umbau sei die Kabine mit flachem Boden.


Umfassendste Angebot an Geschäftsreiseflugzeugen

Auf die Frage der FLUG REVUE nach der Bedeutung des Learjet 75 Liberty im Portfolio, bekennt sich Bombardier zu allen drei Modellreihen, Learjet, Challenger und Global: „Der Learjet 75 Liberty ist ein wichtiger Teil des vielfältigen Flugzeugportfolios von Bombardier, zu dem auch die bekannten Flugzeugfamilien Challenger und Global gehören. Mit diesen drei erfolgreichen Flugzeugfamilien verfügt Bombardier Aviation über das umfassendste Angebot an Geschäftsreiseflugzeugen. Die Einführung des Learjet 75 Liberty, zusätzlich zu den vielen Verbesserungen und Upgrades, die wir kürzlich an unseren Learjet-Flugzeugen vorgenommen haben, zeigt unser Engagement für diese ikonische Marke.“


Neues Werk in Toronto

Im Dezember 2019 gab das Unternehmen bekannt, mit einem neuen Werk für die Fertigung der Global Business Jets am Toronto Pearson International Airport in seine Zukunft zu investieren. 2023 soll das Global Manufacturing Centre mit mehreren Tausend Arbeitsplätzen den Betrieb aufnehmen.Gerüchte, dass der Konzern seine Business-Aviation-Sparte verkaufen könnte, haben sich nicht bewahrheitet. Stattdessen veräußern die Kanadier ihr Eisenbahngeschäft Bombardier Transportation für rund sechs Milliarden Euro an den französichen Alstom-Konzern.


Learjet 75 Liberty – Daten

Allgemeine Angaben
Hersteller Bombardier Business Aircraft
Besatzung 2
Passagiere 6 (max. 9)
Zulassung FAR Part 25
Preis 9,9 Mio. US-Dollar


Antrieb
Triebwerke Honeywell TFE731-40BR
Schub 2 x 17 kN


Abmessungen
Länge 15,50 m
Höhe 4,30 m
Spannweite 17,70 m
Flügelfläche 28,7 m2
Kabinenhöhe 1,50 m
Kabinenbreite 1,56 m
Kabinenlänge 6,04 m


Massen
maximale Abflugmasse 9752 kg
maximale Kraftstoffmasse 2750 kg
maximale Zuladung 1316 kg
Leermasse 6168 kg


Flugleistungen
Höchstgeschwindigkeit Mach .81
Reisegeschwindigkeit Mach .76
Dienstgipfelhöhe 15545 m
Startstrecke (SL, ISA, MTOW) 1353 m
Landestrecke (SL, ISA, MLW) 709 m
Reichweite (4 Passagiere, 2 Piloten) 3852 km


UAV DACH: Beitrag im Original auf https://www.flugrevue.de/zivil/learjet-75-liberty-preisoffensive/, mit freundlicher Genehmigung von FLUG REVUE automatisch importiert. Der Beitrag gibt nicht unbedingt die Meinung oder Position des UAV DACH e.V. wieder. Für die Inhalte ist der UAV DACH e.V. nicht verantwortlich.