Boeings Krisenjet 737 MAX hat eine dreitägige Testflug-Serie, die von der US-Luftfahrtbehörde FAA angeordnet war, beendet. Die Flüge sollen den Weg zur Wiederzulassung des Zweistrahlers ebnen, der seit März 2019 gegroundet ist. Doch besonders eilig hat es die FAA nicht.

Die Kunden verlieren allmählich die Geduld: Auch unter dem Druck der Corona-Krise hatten in den letzten Monaten immer mehr Airlines ihre 737 MAX-Bestellungen bei Boeing storniert. Von Januar bis Mai 2020 flatterten bei Boeing 295 MAX-Abbestellungen ins Haus, Anfang dieser Woche stornierte die angeschlagene Norwegian 92 Exemplare des einstigen Bestsellers. Zuletzt trat auch die chinesische Leasing-Gesellschaft BOC von 30 MAX-Bestellungen zurück. Wenig verwunderlich, dass Boeing das Grounding seines Krisenflugzeugs, das nach zwei Abstürzen mit insgesamt 346 Toten seit März 2019 weltweit mit Flugverbot belegt ist, gerne so schnell wie möglich aufgehoben sähe. Schließlich gilt es zu retten, was noch zu retten ist.

Testflüge mit 737 MAX 7

Eine entscheidende Hürde auf dem Weg zurück ins Spiel hat die 737 MAX nun gemeistert: Während der vergangenen drei Tage absolvierte die 737 MAX 7 mit der Kennung N7201S eine Reihe von Testflügen, die von der FAA angeordnet worden waren. Die Luftfahrtbehörde nahm dabei insbesondere die Änderungen unter die Lupe, die Boeing bei der Flugsteuerungs-Software der 737 MAX vorgenommen hat und die einen sicheren Alltagsbetrieb mit dem Jet gewährleisten sollen. Insbesondere geht es dabei um das automatische Trimmsystem MCAS (Maneuvering Characteristics Augmentation System), dessen Fehlfunktion als Hauptursache für die beiden MAX-Abstürze 2018 und 2019 gilt.

Boeing

Die 737 MAX 7 mit dem Kennzeichen N7201S wurde von Boeing bereits im vergangenen Jahr für Testflüge mit der FAA genutzt.

Piloten sollen das letzte Wort haben

In beiden Fällen lieferte einer der für das Anspringen des Systems relevanten Anstellwinkel-Sensoren fehelrhafte Daten, was dazu führte, dass sich MCAS irrtümlich aktivierte und die Flugzeuge steil nach unten abkippen ließ. Die Piloten konnten die beiden Unglücksmaschinen im Nachhinein nicht mehr stabilisieren und schafften es deshalb nicht, den drohenden Absturz zu verhindern. Mit diversen Anpassungen des Systems will Boeing vermeiden, dass sich ein solches Horrorszenario wiederholen kann.

  • So soll es künftig nicht mehr ausreichen, dass nur einer der beiden Sensoren kritische Daten liefert. Vielmehr sollen die Eingaben beider Anstellwinkel-Sensoren miteinander abgeglichen werden, bevor MCAS aktiviert wird. „Wenn die Sensoren bei eingefahrenen Klappen um 5,5 Grad oder mehr voneinander abweichen, wird MCAS nicht aktiviert“, schreibt Boeing. In einem solchen Fall alarmiert eine Anzeige im Cockpit die Piloten, die dann weitere Entscheidungen treffen können. Offen bleibt, weshalb eine solche – in der Luftfahrt eigentlich übliche – Redundanz-Regelung nicht bereits von Beginn an implementiert wurde.
  • Des Weiteren sollen die Piloten in Zukunft jederzeit in der Lage sein, die Steuereingaben des MCAS zu überstimmen. Eben dies war den Piloten bei den beiden MAX-Abstürzen nicht mehr möglich: Beim Absturz von Ethiopian-Flug ET302 im März 2019 ließ sich die Maschine nach Abschalten des MCAS nicht mehr manuell abfangen. Beim Lion Air-Unglück im November 2018 drückte MCAS das Flugzeug bis zum Crash insgesamt 26 Mal nach unten und negierte damit die manuellen Steuerbefehle der Piloten, die von der Existenz des Systems gar nichts wussten. MCAS könne „niemals mehr“ Steuereingaben befehlen, denen nicht mit einem Zurückziehen der Steuersäule entgegengewirkt werden könne, schreibt Boeing. Auch die Schulung der Crews will Boeing, vor allem im Hinblick auf das Lion Air-Unglück, entsprechend anpassen und ausweiten.
Absturzstelle der Boeing 737 MAX 8 von Ethiopian Airlines am 10. März 2019.

Ethiopian Airlines

Bei zwei Abstürzen mit der 737 MAX im November 2018 und im März 2019 verloren insgesamt 346 Menschen ihr Leben. Ein Unglück dieser Art soll sich keinesfalls wiederholen, weshalb die FAA die von Boeing vorgenommenen Änderungen genauestens prüfen will.

FAA agiert ohne Zeitdruck

Der Hersteller gibt sich zuversichtlich, nach weit über einem Jahr Grounding bald die Neuzulassung seines einstigen Brot-und-Butter-Flugzeugs mit dem Segen der FAA in Händen zu halten. Doch die Behörde dämpft die Euphorie. Zunächst müsse man die Ergebnisse, die man auf den Testflügen gesammelt habe, im Detail auswerten und analysieren. Der Abschluss der Testreihe markiere zwar einen Meilenstein, es stünden jedoch noch einige weitere wichtige Aufgaben an, bevor die FAA der 737 MAX wieder grünes Licht erteile. In jedem Fall will die FAA dieses Mal ganz genau hinsehen: „Wir werden das Grounding erst aufheben, wenn die FAA-Sicherheitsexperten davon überzeugt sind, dass das Flugzeug die Zertifizierungsstandards erfüllt“, macht die Behörde klar. Wann das sein wird und Boeing wieder 737 MAX ausliefern kann, bleibt vorerst also weiter offen.

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