Zu den außergewöhnlichsten Kampfflugzeugen des Zweiten Weltkriegs zählt die zweimotorige Dornier Do 335, die vor 75 Jahren erstmals flog. Mit Zug- und Druckpropeller erreichte der „Pfeil“ hervorragende Flugleistungen.

Bei den Flugzeugen von Claude Dornier kamen immer wieder Motoren in Tandemanordnung zum Einbau. 1937 ließ sich der berühmte Konstrukteur diese Bauweise sogar patentieren, und zwar für ein modular aufgebautes Kampfflugzeug mit Front- und Heckmotor. Offizielles Interesse gab es daran keines, doch den Antrieb eines Heckpropellers über eine lange Welle testete ab Juni 1941 die kleine Göppingen Gö 9, die im Auftrag von Dornier gebaut wurde.

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Das recht große Cockpit der Do 335 lag zwischen Frontmotor und Haupttank (1230 Liter).

Rechnerische Flugleistungen fast revolutionär

Dies zahlte sich dann 1942 aus, als das Reichsluftfahrtministerium auf der Suche nach einem Schnellbomber war. Zunächst durften nur Arado, Junkers und Messerschmitt ihre Vorschläge vorlegen. Nach Protesten von Dornier wurde aber schließlich auch sein Entwurf P 231 berücksichtigt. Es war ein großer Tiefdecker mit einem Heckleitwerk in Kreuzform und Bugfahrwerk. Beide DB-603-Motoren waren im Rumpf eingebaut, dabei arbeitete der vordere normal auf die Zugluftschraube, der hintere dagegen über eine rund drei Meter lange Hohlwelle auf die Druckluftschraube. Die rechnerischen Flugleistungen waren fast revolutionär. Die Höchstgeschwindigkeit der unbewaffneten Maschine, die auch zum Fernaufklärer ausgerüstet werden sollte, betrug mehr als 800 km/h, die Bombenlast lag bei 1000 Kilogramm.

Schwerer Jäger

Die P 231 wurde nach einer Präsentation der Schnellbomber-Konkurrenten am 19. Januar 1943 vom Reichsluftfahrtministerium ausgewählt, wobei das als Do 335 bezeichnete Muster nun auch als schwerer Jäger dienen sollte. Am 27. Januar wurden zunächst zehn Versuchsflugzeuge bestellt. Die Fertigung des ersten Prototyps begann im Frühjahr 1943 in einer Holzbaracke in Meersburg, während die Flächen bei Ravensburg hergestellt wurden.

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Die erste Do 335 startete am 26. Oktober 1943 zum Erstflug.

Erstflug in Mengen

Die Endmontage und letzte Vorbereitungen fanden dann auf dem Flugplatz Mengen bei Sigmaringen statt. Schon am 26. Oktober 1943 startete die „CP+UA“ dort mit Flugkapitän Hans Dieterle am Steuer zu ihrem Jungfernflug. Der musste allerdings vorzeitig beendet werden, weil sich das Fahrwerk nicht einziehen ließ. Dieterle äußerte sich dennoch lobend über das neue Muster: „Man fühlt sich gleich wohl auf dem Flugzeug – ein Beweis dafür, dass keine unangenehmen Eigenschaften beziehungsweise Eigenarten auftreten.“

Mustererprobung

An der Mustererprobung nahm ab 31. Dezember auch die Do 335 V2 teil. Anfang 1944 folgte die V3. Beide unterschieden sich nur geringfügig von der V1. So wurde zum Beispiel der außen angebaute, kinnförmige Ölkühler mit in den Ringkühler einbezogen und die Abdeckung des Fahrwerks geändert. Ferner erhielt die V2 zur Verbesserung des Steuerverhaltens im Langsamflug eine etwa ein Meter lange, scharfkantige Flügelnase im Wurzelbereich. Zur Verbesserung der Sichtverhältnisse des Piloten wurde die Verglasung der Klapphaube mit seitlichen, tropfenförmigen Beulen versehen.

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Die Do 335 hatte ein hohes Fahrwerk, um Bodenfreiheit für den Heckpropeller zu gewinnen.

Weitere Prototypen

Im Laufe des ersten Halbjahres 1944 folgten weitere Prototypen. Dabei war die Do 335 V9 (Jungfernflug am 29. Juni 1944 in Mengen) die erste Maschine mit Bewaffnung. Diese bestand aus einer 30-mm-Maschinenkanone MK 103, die durch die vordere, hohle Luftschraubenwelle feuerte, und zwei oberhalb des Motors montierte 15-mm-MGs 151/20. Eine Bewaffnungsvariante mit je einer MK 103 in jedem Flügel wurde mit den Versuchsmustern V13 und V14 getestet, die im Oktober beziehungsweise November 1944 flogen.

Derweil konnte die Do 335 V4 (CP+UD) ihre Flugerprobung am 9. Juli 1944 aufnehmen. Sie hatte eine auf 18,40 Meter erhöhte Spannweite und eine auf 45 Quadratmeter vergrößerte Flügelfläche und galt als Prototyp für die geplante Aufklärerversion B-4.

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Der erste Doppelsitzer Do 335 V11 hob am 3. September 1944 zum Jungfernflug ab.

Erste Doppelsitzer

Die ersten Doppelsitzer Do 335 V11 und V12 flogen im September 1944. Sie erhielten ein zweites, höher gesetztes Cockpit und waren die Basis für die Trainerversion Do 335 A-10. Die V10 wiederum, die Mitte November 1944 bei Heinkel in Wien-Schwechat fertig wurde (umgebaut aus einer A-1-Zelle), galt als Ausgangsmuster für den geplanten Nacht- und Allwetterjäger Do 335 A-6. Durch den zusätzlichen Luftwiderstand der an den Flügelnasen angeordneten Antennen des Nachtjagd-Sichtgeräts FuG 218 und das zweite Cockpit sank die Höchstgeschwindigkeit auf immer noch beachtliche 688 km/h.

Produktion verzögert

Insgesamt zeigte die Erprobung der Do 335 trotz diverser Kinderkrankheiten wie den Problemen mit dem Fahrwerk und der Kühlungskontrolle des hinteren Motors das große Potenzial der Maschine, die als schnellster Kolbenmotorjäger des Zweiten Weltkriegs gilt. Entsprechend wurden ehrgeizige Lieferpläne für zahlreiche Versionen aufgelegt. Angesichts des Kriegsverlaufs ließen sich diese jedoch in keiner Weise mehr realisieren. So wurde zum Beispiel die erste Vorserienmaschine der Baureihe Do 335 A-0 im Juli 1944 bei einem Bombenangriff auf den Flugplatz Friedrichshafen-Löwental zerstört. Der Erstflug einer A-0 fand daher erst am 30. September in Mengen statt.

Kriegsende

Die erste Do 335 A-0 aus der neuen Endmontagelinie im Dornier-Werk in Oberpfaffenhofen bei München kam erst Anfang November 1944 zum Erstflug. Bis Kriegsende folgten knapp 20 weitere Flugzeuge, wovon die meisten in Doppelsitzer umgebaut wurden. Zum Einsatz kam der „Pfeil“ (1945 zugewiesener Codename) aber nicht mehr. Für Amerikaner, Briten und Franzosen war die Do 335 nach Kriegsende immerhin so interessant, dass sie sich jeweils zwei Flugzeuge für Tests sicherten. Eines davon, die Do 335 A-0 mit der Kennung VG+PH, hat bis heute überlebt. Nach einer Restaurierung bei Dornier in den Jahren 1974 bis 1976 steht es seit 2005 im Udvar-Hazy Center am Dulles-Airport in Washington.

Technische Daten

Dornier Do 335 A-1/A-10

Hersteller: Dornier, Friedrichshafen und Oberpfaffenhofen
Besatzung:
1
Motoren:
2 x DB 603 A/AQ
Höchstleistung:
je 1750 PS
Marschleistung:
je 1450 PS
Propellerdurchmesser:
3,50 m vorn, 3,30 m hinten
Länge:
13,85 m
Höhe:
5,00 m
Spannweite:
12,80 m
Flügelfläche:
38,5 m2
Rüstmasse:
7400 kg
Kraftstoff:
1850 kg
Startmasse:
9600 kg
Höchstgeschwindigkeit in 7100 m Höhe:
732 km/h
Marschgeschwindigkeit:
703 km/h
Steigrate:
11,5 m/s
Steigzeit auf 8000 m:
14,5 min
max. Flughöhe:
10 700 m
Startstrecke auf Gras:
960 m
max. Reichweite bei Marschgeschwindigkeit von 550 km/h:
ca. 1600 km

UAV DACH: Beitrag im Original auf https://www.flugrevue.de/klassiker/dornier-do-335-kaempfer-mit-doppelherz/, mit freundlicher Genehmigung von FLUG REVUE automatisch importiert. Der Beitrag gibt nicht unbedingt die Meinung oder Position des UAV DACH e.V. wieder.