Am 7. September 2010 fallen an Bord des Alrosa-Flugs 514 sämtliche Systeme aus. Die Besatzung der Tupolew 154 muss schnellstmöglich notlanden – nur wo? Da entdecken die Piloten einen stillgelegten Flugplatz, mitten in der Taiga. Doch die Landebahn ist viel zu kurz…

Die Tu-154M der sibirischen Alrosa Airlines ist am 7. September 2010 mit 72 Passagieren und neun Besatzungsmitgliedern unterwegs von Udatschny nach Moskau-Domodedowo. Das Flugzeug, es trägt die Kennung RA-85684, befindet sich im Reiseflug auf 10600 Meter, als ein Stromausfall mit einem Mal die gesamte Elektronik lahmlegt. Später werden Unfallermittler ein Thermisches Durchgehen der überhitzten Bordbatterien als Ursache feststellen. Im Flug hat das fatale Konsequenzen: Das Navigationssystem und die elektrischen Kraftstoffpumpen, die den Sprit aus den Rumpf- und Flügeltanks in den zentralen Verbrauchstank leiten, quittieren ihren Dienst. Eigentlich sollten in einem solchen Fall die Standby-Pumpen einspringen. Doch auch diese bleiben still. Der Crew um die beiden Piloten Andrej Lamanow und Jewgeni Nowoselow bleiben somit 3300 Kilogramm Kerosin, um einen geeigneten Platz zum Landen zu finden. Bei der Tu-154M reicht diese Reserve für etwa 30 bis 40 Minuten. Eher suboptimal, mitten über den Urwäldern Nordwestrusslands.

Patrick Zwerger

Die verunfallte Tu-154M RA-85684 der Alrosa gibt es seit einiger Zeit auch als Sammlermodell von Herpa.

Was ist das für ein Flugplatz?

Die Piloten gehen in den Sinkflug, durchstoßen die Wolken, halten fieberhaft Ausschau nach einem geeigneten Ort, das Flugzeug zu landen. Da entdecken Lamanow und Nowoselow mitten in der Taiga einen – ganz offenbar verlassenen – Flugplatz. Es ist der Airport von Ischma in der Republik Komi, der seit 2003 für Flugzeuge geschlossen ist und nur ganz sporadisch noch für Hubschrauberflüge genutzt wird. Aus den Karten wurde das Flugfeld längst gestrichen, doch seine 1300 Meter lange Runway existiert noch immer, die Piloten können sie sehen. Allerdings sehen sie auch, dass die Bahn für ihr Flugzeug viel zu kurz ist: Eine Tu-154M benötigt zum Landen im Normalfall gut 2000 Meter. Außerdem hat der Stromausfall nicht nur Navigation und Spritpumpen lahmgelegt, sondern auch Funk, Vorflügel und Landeklappen – die funktionieren zwar hydraulisch, werden aber elektrisch geschalten. Doch zum Lamentieren bleibt keine Zeit: hier oder nirgendwo!

Bahn zu kurz, Flugzeug zu schnell

Mit zwei Anflügen stimmen sich die Piloten auf die Herkulesaufgabe ein, ihre angeschlagene Tu-154 auf der viel zu kurzen Runway zu landen. Beim dritten Mal schließlich gilt es: Mit einer Landegeschwindigkeit von 350 km/h bis 380 km/h – normal wären etwa 250 km/h – rast die Tupolew auf den Flugplatz zu, überfliegt die Pistenschwelle – und setzt auf. Schubumkehr und Bremsen sollen die Maschine im Zaum halten, aber sie ist zu schnell, die Landebahn reicht nicht aus. Erst 160 Meter hinter der Bahn kommt der Dreistrahler zum Stehen, ausgebremst durch Büsche und Matsch. Doch das Husarenstück ist geglückt: Alle 81 Personen können das Flugzeug ohne Blessuren verlassen. Sie suchen anschließend rund um den Flugplatz nach Pilzen, bevor sie mit Mi-8-Hubschraubern in die nächstgrößere Stadt Uchta abtransportiert werden. 70 der 72 Passagiere besteigen in Uchta eine andere Tu-154 der Alrosa, die sie schließlich doch noch nach Moskau bringt. Zwei Fluggäste nehmen stattdessen lieber den Zug.

Russische Helden

Die Piloten werden später von Präsident Medwedew zu „Helden der Russischen Föderation“ ernannt – und die Tupolew wird an Ort und Stelle repariert. Am 24. März 2011 verlässt sie Ischma auf dem Luftweg Richtung Uchta. Nur 800 Meter Startstrecke brauchen die Testpiloten dabei. Frisch aufgetankt, fliegt sie weiter von Uchta nach Samara, wo sie letzten Reparaturen unterzogen wird. Dann kehrt sie zurück zu Alrosa in den Liniendienst und fliegt weitere sieben Jahre ohne nennenswerten Zwischenfall. Am 29. September 2018 schließlich tritt die RA-85684 ihre letzte Reise ins Museum nach Nowosibirsk an – standesgemäß natürlich wieder auf dem Luftweg.

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