Gulfstreams neues Flaggschiff G700 hat im Februar die Flugerprobung aufgenommen. Mit dem Rolls-Royce Pearl 700 steckt auch ein Stück „Made in Germany“ in dem Langstreckenjet, der bei der Kabinengröße die Konkurrenz aussticht.

Am 14. Februar um 13:19 Uhr Ortszeit hat die Gulfstream G700 erstmals die Räder von der Piste des Flughafens Savannah/Hilton Head genommen. Am Steuer des Jets mit dem passenden Kennzeichen N700GA saßen die Piloten Jake Howard und Eric Holmberg, unterstützt von Flugtestingenieur Bill Osborne. Zwei Stunden und 32 Minuten dauerte der Erstflug, bei dem Gulfstreams neues Flaggschiff die Erwartungen der Ingenieure plangemäß erfüllte. Aus der Gulfstream-Zentrale heißt es, dass die Flugeigenschaften und die Interaktion der Piloten mit den Flugzeugsystemen den vorangegangenen Tests in den Simulatoren entsprachen. Dies zeuge von Gulfstreams Detailgenauigkeit bei der Entwicklung des „Iron Bird“, also des Prüfstands für Systemtests am Boden, sowie der übrigen Testeinrichtungen und Simulatoren. Der Business Jet flog bei seinem Jungfernflug mit einer 30:70-Mischung aus nach- haltig hergestelltem Treibstoff und herkömmlichem Jetfuel. Dieser Flug ist der Auftakt für die bevorstehenden Flugtests. Das Programm umfasst fünf bereits gefertigte Testflugzeuge sowie eine Zelle für Aufgaben am Boden. Die Belastungstests der Struktur sind abgeschlossen.

Gulfstream Aerospace

Der Erstflug am 14. Februar dauerte zweieinhalb Stunden und verlief erfolgreich.

Die G700 bietet die größte Kabine in der Branche

Damit liegt der Hersteller aus Savannah, Georgia, bisher im selbst gesteckten Zeitplan. Vorgestellt wurde der Business Jet für die Ultralangstrecke mit einer groß angelegten Bühnenshow im Oktober 2019 auf der NBAA-BACE in Las Vegas. President Mark Burns präsentierte vor 700 geladenen Gästen ein Kabinen-Mockup. Mit 17,35 Meter Länge, 1,91 Meter Höhe und 2,49 Meter Breite bietet die G700 laut Gulfstream die größte Kabine in der Branche mit Platz für maximal 19 Passagiere, unterteilt in bis zu fünf Bereiche. Die G700 zeichnet sich durch eine extragroße Galley aus, bietet eine Passagierlounge oder einen Ruheraum für die Crew, einen Konferenzraum mit sechs Sitzen und eine Suite mit Dusche.Noch mehr Luxus für Geschäftsreisende bieten vermutlich nur die Bizliner von Airbus und Boeing. Die Druckhöhe an Bord entspricht in der maximalen Reiseflughöhe von 15 545 Metern dem Luftdruck, der sonst in 1478 Metern herrscht. Durch die 20 Gulfstream-typischen ovalen Fenster gelangt viel Tageslicht in die Kabine. Auf Langstrecken simuliert ein LED-Beleuchtungssystem Sonnenauf- und -untergänge, um die Passagiere auf die Zeitzone am Zielort einzustimmen. Die maximale Reichweite der G700 beziffert Gulf-stream auf 13 890 Kilometer (7500 NM). Mit Mach 0.90 sind 11 850 Kilometer möglich. Die Höchstgeschwindigkeit ist bei Mach 0.925 erreicht. Mit diesen Daten ist die G700 auf Augenhöhe mit den Topjets anderer Hersteller. Am naheliegendsten ist der Vergleich mit der Global 7500 von Bombardier. Diese erzielt mit 14 260 Kilometern etwas mehr Reichweite bei ähnlicher Reisegeschwindigkeit, ihre Kabine ist jedoch 76 Zentimeter kürzer und geringfügig schmaler.

Gulfstream Aerospace

So viel Platz wie die G700 bietet kein vergleichbares Flugzeug.

Modernste Avionik im Cockpit

Die G700 vereint neue mit bekannten Technologien. Gulfstream erwähnt das auf dem Honeywell Primus Epic basierende Symmetry Flight Deck, das mit der G500 und G600 erstmals Einzug ins Cockpit gehalten hat. Zu den Besonderheiten der Fly-by-Wire-Steuerung gehören aktive Steuerknüppel, elf Touchscreens und das Predictive Landing Performance System, das die Piloten vor einem möglichen Überschießen der Piste warnt. Das Cockpit der G700 ist standardmäßig mit dem Enhanced Flight Vision System und Synthetic Vision auf zwei Head-up-Displays ausgestattet. Eher bedeckt hält sich der Hersteller bei der technischen Basis des Jets: So warte die G700 mit den aus der G650 und G650ER bekannten Langstrecken- und Hochgeschwindigkeitsqualitäten auf. Die Winglets sind eine Neukonstruktion.

Das Pearl 700 kommt von Rolls-Royce aus Dahlewitz

Für die G700 hat Rolls-Royce Deutschland das Triebwerk Pearl 700 entwickelt. Damit sind die Briten wieder bei Gulfstream an Bord, denn bei G500 und G600 hatte sich das Unternehmen zuletzt für die PW800-Familie von Pratt & Whitney Canada entschieden. Das Pearl gilt als Nachfolger des BR725, dem Antrieb von G650 und G650ER. Gleichzeitig ist es ein stärkerer Ableger des Pearl 15, das Global 5500 und 6500 von Bombardier antreibt. Die Turbine kombiniert den Kern des Forschungsprojekts Advance2 mit einem neuen Niederdrucksystem, was zu acht Prozent mehr Startschub im Vergleich zum BR725 führt. Das Triebwerk bietet laut Hersteller ein um zwölf Prozent besseres Schub- Gewichts-Verhältnis und einen um fünf Prozent höheren Wirkungsgrad.

Gulfstream Aerospace

Langstreckentauglich: Die Gulfstream G700 bietet bis zu 14000 Kilometer Reichweite.

Fünf Prototypen im Flugtest

Wie bei allen neuen Programmen dieser Größenordnung wird auch die G700 umfangreiche Flugtests durchlaufen. Die Testflotte wird in den kommenden Monaten Tausende Flugstunden unter teils extremen Bedingungen absolvieren. Jedes der fünf Testflugzeuge erfüllt dabei einen ganz speziellen Zweck. Das erste Flugzeug dient der aerodynamischen Erprobung: Flight Envelope, Flatterverhalten, Strömungsabrisse, Flugeigenschaften, Flugsteuerung und Vereisungsformen stehen im Aufgabenheft. Die zweite G700 wird für Kabinenentwicklung und statische Tests herangezogen. Der dritte Erprobungsträger muss Lasten- und Triebwerkstests absolvieren und dient der Ermittlung von Startstrecke und Steigleistung. Mit Flugzeug Nummer vier werden die Kabinensysteme (Environmental Control System) erprobt, es geht um mechanische Systeme,Flüge in bekannten Vereisungsbedingungen, um die Bestimmung der Schubwerte sowie um Kühlung und Belüftung. Avioniktests und Simulationen der Stufe D werden mit dem fünften Prototyp durchgeführt. Ein sechstes Flugzeug steht zudem für Produktionstests bereit.

Auslieferungsstart in zwei Jahren

Anfang 2022 sollen die ersten Kunden die 78 Millionen US-Dollar teure G700 in Empfang nehmen. Qatar Executive hat zehn Bestellungen getätigt. Als ersten Kunden aus den USA hat Gulfstream auf der NBAA-BACE im Oktober Flexjet genannt. Gulfstream spricht von einer guten Nachfrage und einem „gesunden“ Auftragsbestand.

Gulfstream Aerospace

Anfang 2022 sollen die ersten Gulfstream G700 an zahlungskräftige Kunden gehen.

Gulfstream G700 – Technische Daten

Typ: Langstrecken-Geschäftsreisejet
Hersteller: Gulfstream Aerospace Corporation, Savannah, Georgia, USA
Besatzung: 2
Passagiere: verschiedene Ausstattungen für bis zu 19 Passagiere
Preis: 78 Mio. US-Dollar
Antrieb: 2 x Rolls-Royce Pearl 700
Startschub: 2 x 81,2 kN (18250 lb)
Länge: 33,48 m
Höhe: 7,75 m
Spannweite: 31,39 m
Kabinenlänge (ohne Gepäckraum): 17,35 m
Kabinenhöhe: 1,91 m
Kabinenbreite: 2,49 m
Kabinenvolumen: 73,71 Kubikmeter
Gepäckraumvolumen: 5,52 Kubikmeter
Leermasse mit 4 Besatzungsmitgliedern: 25 567 kg
max. Nutzlast: 2896 kg
max. Kraftstoff: 22 407 kg
Zuladung bei max. Kraftstoff: 1014 kg
max. Masse ohne Kraftstoff: 28463 kg
max. Startmasse: 48 807 kg
max. Landemasse: 37 875 kg
Hochgeschwindigkeits-Reiseflug: Mach 0.9
max. Geschwindigkeit: Mach 0.925
maximale Reiseflughöhe: 15545 m
Startstrecke: 1905 m
Reichweite bei Mach 0.85 mit 8 Passagieren: 13 890 km

UAV DACH: Beitrag im Original auf https://www.flugrevue.de/zivil/gulfstream-g700-im-portraet-gulfstreams-neues-luxus-flaggschiff/, mit freundlicher Genehmigung von FLUG REVUE automatisch importiert. Der Beitrag gibt nicht unbedingt die Meinung oder Position des UAV DACH e.V. wieder.