Die Entscheidung für den Kauf eines neuen Business Jets ist eine emotionale Angelegenheit. Für Flottenbetreiber bedeutet die Anschaffung eines oder mehrerer Jets eine strategische Entscheidung verbunden mit einem hohen Investment. „Für viele unserer privaten Kunden dagegen ist ein Jet die kostspieligste Anschaffung in ihrem Leben“, sagt Daniel R. Bachmann, Corporate Communications Manager bei Embraer. Wir sind zu Besuch in Melbourne, Florida, wo der brasilianische Hersteller seine wichtigste Niederlassung in den USA betreibt: Kundenkontakte, Entwicklung und Endmontage von Geschäftsreiseflugzeugen vereinen sich im Süden des Kennedy Space Centers.

Embraer

Embraers Standort am Orlando Melbourne International Airport bietet Platz für Wachstum.

900 MItarbeiter, Tendenz steigend

Reduziert man den Standort auf Zahlen und Fakten, ergibt sich ein beeindruckendes Bild. Mehr als 360 Geschäftsreiseflugzeuge im Wert von über drei Milliarden US-Dollar haben seit Eröffnung im Jahr 2011 das Werk verlassen, angefangen mit der ersten in den USA gefertigten Phenom 100. Heute sind 900 Mitarbeiter in Melbourne beschäftigt, darunter 200 Ingenieure, die Hand in Hand mit ihren Kollegen im brasilianischen São José dos Campos die Flugzeuge kontinuierlich verbessern und weiterentwickeln. Sie alle sorgen dafür, dass aus zahllosen Einzelteilen schließlich Business Jets der Marke Embraer werden. Ausschließlich in Florida entstehen Phenom 100EV und 300E, während die Produktion der größeren Modelle, Praetor 500 und 600 sowie deren Vorgänger Legacy 450 und 500, abhängig von den Kapazitäten parallel auch in Brasilien erfolgt. Der Bau des Topmodells Lineage 1000E sowie der Legacy 650E bleiben dem Werk in Brasilien vorbehalten. 27 Hektar umfasst das Grundstück, 41 800 Quadratmeter die Gebäudeflächen. „Dieser Standort lässt uns weiterhin Raum zum Wachsen“, sagt Bachmann.

Patrick Holland-Moritz

Wer nah rangeht, entdeckt, dass sich das Bild aus vielen Fotos der Embraer-Mannschaft zusammensetzt.

Gebäude im Stil von Niemeyer

Doch da ist ja noch die Sache mit den Emotionen, die sich in den Gebäuden widerspiegelt. Diese sind im Stil des brasilianischen Architekten Oscar Niemeyer gebaut – minimalistisch und edel zugleich. Durch große Fensterflächen flutet Tageslicht die Räume. Applikationen aus Holz und Aluminium treffen aufeinander, Granit bedeckt den Boden. Das Umfeld muss stimmen, denn an diesem Ort werden aus Ideen millionenschwere Entscheidungen, die schließlich in Form von Unterschriften ihren Weg auf Papier finden.

2011 hat Embraer Executive Jets seine neuen Räumlichkeiten im Sunshine State bezogen, damals buchstäblich auf der grünen Wiese erbaut und mit nachhaltigen Baumaterialien und Methoden realisiert. Die Entscheidung für den Standort Melbourne fiel im Jahr 2008 nacheingehender Prüfung mehrerer Optionen. „Wir wollten näher am Kunden sein. Hier sind wir gut zu erreichen und können Demoflüge anbieten, die in Brasilien mit einer mehrstündigen Anreise verbunden wären.“ Der Orlando Melbourne International Airport ist mit der Airline erreichbar und verzeichnet Zuwächse in der Business Aviation. Zudem punktet Florida mit wirtschaftlicher Stärke. „Wäre es ein eigener Staat, läge Florida mit seiner Wirtschaftsleistung weltweit auf Platz 16.“ Personell ist die Region reich an Luftfahrt-Talenten: Rund ein Drittel der Belegschaft kam anfangs von der NASA, unter ihnen viele Ingenieure. 2011 war das Jahr, in dem am Kennedy Space Center das letzte Space Shuttle abhob. Heute sieht sich die Region wieder im Aufwind. „Wir sind Teil der ‚Space Coast Renaissance‘“, sagt Bachmann. Mit Northrop Grumman hat Embraer einen prominenten Nachbarn am Flugplatz.

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Holz, Metall, Stein und viel Licht prägen die Architektur von Embraers Niederlassung in Florida.

Qualität ist Trumpf

Für die Besucher beginnt die Reise in die Welt von Embraer im Showroom. Neben Modellen aller Embraer Business Jets sind drei originalgroße Kabinen-Mockups aufgebaut: von Phenom 100EV und 300E sowie einer Praetor 500. Anfassen und Probesitzen sind erwünscht und erlaubt – so können sich die Kunden bei ihrer Kaufentscheidung vom Raumgefühl der unterschiedlich großen Muster überzeugen. Alles ist kompromisslos nah am Original, sogar die Avionik von Collins Aerospace im Cockpit der Praetor 500 ist echt. „Wir haben es mit Nachbauten versucht, aber das wirkte nicht authentisch. Der Kunde soll schließlich wissen, welche Qualität ihn erwartet“, sagt Bachmann. Bei unserem Rundgang durch die Kabinen beschreibt er die Unterschiede zwischen den Jets. Hier etwas mehr Kopffreiheit, dort eine besonders ausgefeilte Beleuchtung oder das Entertainment-System NICE von Lufthansa Technik. Jedes noch so kleine Detail ist es wert, darüber zu sprechen. Kunden haben je nach Modell die Wahl zwischen verschiedenen Aufteilungen der Kabine mit oder ohne Galley. Böden aus Granit finden sich auch in den Jets wieder, zum Beispiel im Eingangsbereich, wo es beim Ein- und Aussteigen bei Regen oder Schnee schon mal nass wird. Zu schwer? Nein. Die Schicht ist 2,5 Millimeter dünn, wirkt edel und ist pflegeleicht. Verschiedene Sitze mit unterschiedlichem Leder laden zum Probesitzen ein. Seit der Übernahme der in Kalifornien ansässigen Firma Aero Seating Technologies – jetzt mit dem Zusatz Embraer vor dem Namen – im Jahr 2016 ist auch diese Sparte im eigenen Haus integriert.

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Mockups der aktuellen Modelle laden in stilvoller Umgebung ein zum Probesitzen und Ausprobieren.

Emotionale Entscheidungen

Unsere Reise führt uns die Treppe rauf in die Designstudios für die kleineren und größeren Jets. „Room of emotional compromises“ nennt das Design-Team den größeren der beiden Räume, in dem sich Kunden die Innenausstattung und die Lackierung ihrer neuen Praetor, Legacy oder Lineage aussuchen. Klarer Fall: Hier regieren die Emotionen. Während die Ausstattung bei Flottenbetreibern meist durch den Markenauftritt festgelegt ist, verweilen Privatkunden hier schon mal länger oder brauchen Bedenkzeit, um später erneut zu kommen.

Wir verlassen, vorerst, den Kundenbereich. 2014 hat Embraer ein neues Center of Ex-cellence eröffnet, wo die Ingenieure neue Technologien entwickeln sowie bestehende Systeme pflegen und verbessern: Avionik-Updates, Treibstoffsysteme, Antriebe, Interieur und vieles mehr. Zu den wichtigsten Errungenschaften gehört die Fly-by-Wire-Technologie, die heute in vierter Generation in den Praetor-Jets fliegt. Weiter geht es zu den praktischen Seiten der Produktentwicklung. HALT steht für „Highly Accelerated Life Testing“. Einzelne Komponenten werden auf ihre Haltbarkeit getestet: 30 Jahre Einsatzdauer, komprimiert auf wenige Wochen.

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Qual der Wahl: Im Designstudio suchen sich die Kunden das Interieur ihres künftigen Business Jets aus.

Trockenübung fürs Kabinen-Layout

Wie gelangen frische Ideen eigentlich in die Serienproduktion eines Business Jets? Ein wichtiger Schritt auf diesem Weg ist das Mock-up Lab. „Hier simulieren wir Flüge mit Testpersonen“, erklärt Daniel Bachmann. Jede Kabinenausstattung oder auch neue Sitze müssen ihre erste Bewährungsprobe in einem Mockup am Boden bestehen. Ziel vieler Änderungen am Interieur ist es, die Zahl der Einzelteile zu reduzieren. Auch geht es darum, die Kabine durch den geschickten Einsatz von Dämmmaterialien so leise wie möglich zu machen. „Sitze mit perforiertem Leder schlucken den Schall, sind aber optisch nicht so ansprechend“, nennt Daniel einen der Ansätze. 3-D-Drucker helfen beim Prototypenbau.

Embraers Herz schlägt in Brasilien

Geboren wird jeder Business Jet von Embraer im Stammwerk in São José dos Campos, in dem Rumpf und Flügel gefertigt werden. Danach trennen sich die Wege: Praetor 500 und 600 sowie deren Vorgänger Legacy 450 und 500 gelangen auf dem Luftweg nach Florida; „grün“, also grundiert und ohne Finish. Phenom 100EV und 300E hingegen treten ihre erste große Reise als Flügel- und Rumpfsektionen in Holzkisten vor Feuchtigkeit geschützt auf dem Seeweg an, bevor es die letzten Meilen auf der Straße nach Melbourne geht. Das Ziel: die Produktionshalle, in der sich etliche Jets in unterschiedlichen Fertigungsstadien ihrem Erstflug nähern. 600 Menschen arbeiten hier in zwei Schichten an fünf Tagen in der Woche. Handarbeit trifft auf Automatisierung mit dem Ziel, dem Kunden ein perfektes Produkt zu übergeben. „Menschen sind auch dort involviert, wo wir Roboter einsetzen“, sagt Bachmann. Zum Beispiel in der Lackiererei, in der von Menschenhand gesteuerte Geräte in vier bis fünf Tagen die Farbe auf ein neues Flugzeug aufbringen. Oder etliche Arbeitsschritte zuvor, wenn Roboter die Flügel millimetergenau mit dem Rumpf zusammenbringen. Das hier, sagt Bachmann, sei Embraers erste digitale Fabrik mit exakter Abstimmung zwischen den internationalenStandorten in den USA, Brasilien und Portugal. Die unlackierten Flugzeuge gewähren Einblicke in ihre Struktur: Mit dem Fokus auf Gewicht und Leistung haben Composite-Teile Einzug in die größeren Jets gehalten, beispielsweise im Heck oder an den Flügelspitzen. Eine Abkehr von der Metallbauweise sei aber kein Thema, denn bei einer Beschädigung sei der klassische Werkstoff reparaturfreundlicher. Wo immer möglich achtet Embraer in der Fertigung auf Nachhaltigkeit. Den Lederverschnitt beispielsweise erhalten andere Firmen, anstatt das Material wegzuwerfen.

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Embraers Geschichte begann mit der Turboprop-Twin Bandeirante, die zum ersten Mal im Oktober 1968 flog.

Lieferung schon nach zwei Monaten

Die Produktion ist bis Ende 2020 geplant. In der Planung enthalten sind auch flexible Elemente. „Um auf unvorhergesehene Anfragen reagieren zu können, bauen wir einige Flugzeuge mit cleveren Konfigurationen. Diese haben eine typische Ausstattung und sind kurzfristiger verfügbar, da sie schnell personalisiert werden können“, erklärt Daniel bei unserem Rundgang. Wer sich für eine Phenom 100 oder 300 entscheidet und sie möglichst schnell benötigt, kann seinen neuen Jet oft in weniger als ein bis zwei Monaten in Empfang nehmen. Großaufträge der Flottenbetreiber sorgen für Grundlast in der Fertigung. An deren Ende stehen die Testflüge: Jeder Jet spult ein mehrstündiges Programm ab, bevor er zum Kunden geht.

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Am Ende darf der Kunde mit seinem neuen Jet abheben – im Bild eine Legacy 500.

Drei Tage dauert die Übergabe

Für die Kunden, aber auch fürs Unternehmen ist die Übernahme eines Business Jets jedes Mal aufs Neue ein feierlicher Akt. „Die Übergabe ist niemals Routine“, berichtet Daniel Bachmann. Drei Tage bleiben die angehenden Flugzeugbesitzer für dieses Ereignis meist in Melbourne, oft zusammen mit ihrer Familie. Es gibt eine gründliche Einweisung, jedes Flugzeug wird begutachtet und abgenommen, und natürlich erfolgt die Bezahlung. Das Finanzielle, so Bachmann, sei Sache des Kunden: Einige stemmen den Kauf aus eigenen Mitteln, andere finanzieren über eine Bank. Embraer selbst hält sich bei Finanzierung und Leasing raus. Im hauseigenen Restaurant gibt es ein Festessen. Schließlich folgt die Übergabe: In einem Raum, dessen Stirnwand mit einem Bild der brasilianischen Hauptstadt Brasilia geschmückt ist, schiebt sich die Rückwand zur Seite und gibt den Blick auf die neue Embraer dahinter frei. Es sind Momente der Emotionen.

UAV DACH: Beitrag im Original auf https://www.flugrevue.de/zivil/embraer-werk-florida-zu-besuch-in-embraers-traumfabrik/, mit freundlicher Genehmigung von FLUG REVUE automatisch importiert. Der Beitrag gibt nicht unbedingt die Meinung oder Position des UAV DACH e.V. wieder.