Wirtschaftlich war die Tupolew Tu-204 ein Flop: Nur rund 90 Stück wurden gebaut, die weiterentwickelte Tu-214 einbegriffen. Die meisten sind längst wieder abgestellt. Nun winkt einem Teil davon womöglich eine neue Karriere – als U-Boot-Jäger der russischen Marine.

Russland will seine Marineflieger fit für die Zukunft machen. Dazu gehört auch eine umfangreiche Modernisierung der U-Boot-Jägerflotte. Zu diesem Zweck sucht das Oberkommando der russischen Marine derzeit nach einem Nachfolgemuster für die veralteten Iljuschin Il-38. 15 dieser aus der Il-18 abgeleiteten Turboprop-Veteranen sind laut russischen Medienberichten noch bei der Marine im Einsatz, acht davon wurden auf den modernisierten Standard Il-38N hochgerüstet. Das Oberkommando habe nun technische und taktische Anforderungen abgesteckt, die ein Nachfolger für die bald 50 Jahre alten Il-38 mit sich bringen sollte. Favorit bei der Wahl eines neuen U-Boot-Jägers ist demnach die Tupolew Tu-204, bzw. deren Derivat Tu-214.

Tupolew

Als Airliner war die Tu-204 ein Misserfolg. Auch eine Variante mit Rolls-Royce RB211-Triebwerken und westlicher Avionik konnte daran nichts ändern.

Tu-204 wären schnell verfügbar

Bereits im August des vergangenen Jahres hatte Russlands Industrie- und Handelsminister Manturow bekanntgegeben, dass das Verteidigungsministerium von den russischen Entwicklungsbüros Vorschläge für ein neues U-Boot-Abwehrflugzeug angefordert habe, die sowohl den Umbau bereits existierender Muster als auch die Konstruktion eines völlig neuen Flugzeugs in Betracht ziehen sollten. Letzteres würde zwangsläufig aber eine lange Wartezeit und hohe Kosten bedeuten. Ein U-Boot-Jäger auf Basis der Tu-204 wäre dagegen vergleichsweise rasch und günstig verfügbar: Von den etwa 85 gebauten Maschinen sind laut Angaben der Plattform Russian Planes mindestens 30 dauerhaft eingelagert. Diese könnten den Wünschen der Marine entsprechend modifiziert werden und erhielten so die Chance auf eine zweite Karriere.

Boeing Poseidon MRA1 der Royal Air Force.

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Auch die USA setzen bei der U-Boot-Jagd seit 2013 auf ein Airliner-Derivat: Die Boeing P-8 Poseidon basiert auf der 737-800.

Tu-204 vergleichbar mit Boeing P-8

Was die Flugleistungen angeht, wäre eine Anti-U-Boot-Tu-204 in etwa vergleichbar mit der Boeing P-8 Poseidon, die auf der zivilen 737-800 basiert. Verglichen mit dem Einsatzprofil der bisher genutzten Il-38 wäre der Umstieg auf die strahlgetriebene Tu-204 für die russische Marine ein ähnlich großer Fortschritt wie der Wechsel von der Lockheed P-3 Orion auf die P-8 bei der US Navy. Der russische Militärexperte Dimitrij Boltenkow erklärte gegenüber der Tageszeitung Iswestija, in Anbetracht dessen sei es „verschwenderisch, Geld für die Entwicklung eines von Grund auf neuen Spezialflugzeugs auszugeben“. Die Tupolews seien zuverlässig und erprobt, günstig in der Wartung und schneller einsatzfähig. Die russischen Luftstreitkräfte haben mit der Tu-204 und der Tu-214 überdies bereits Erfahrung, auch wenn das Muster bei der Marine bislang noch nicht zum Einsatz kam. Dafür stehen mehrere der ehemaligen Airliner für Open Skies-Missionen, als Elektronische Aufklärungsflugzeuge (ELINT) sowie als fliegende Kommandoposten bei der russischen Luftwaffe im Dienst.

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