Die US-Ministerien für Justiz und Verkehr ermitteln gegen Boeing und die Luftfahrtaufsicht FAA – nun auch mit Hilfe des FBI. Europa und Kanada prüfen Softwareupdates für die 737 MAX lieber selbst. Wann das gegroundete Flugzeug wieder abheben darf, ist völlig offen.

Flugzeugunfälle haben eher selten ein strafrechtliches Nachspiel. Der Verzicht auf Sanktion ist für eine offene Fehlerkultur – die „Just Culture“ – in der Luftfahrt unabdingbar. Nur bei äußerst schwerwiegenden Verdachtsmomenten schaltet sich die Justiz frühzeitig in die Ermittlungen ein.

Im Fall der 737 MAX steht der Verdacht auf ein Fehlverhalten jenseits der Schwelle zur Strafbarkeit im Raum. Man werde „objektiv und im Detail“ die Fakten prüfen, wie es zu der Zertifizierung des Flugzeugs durch die Flugaufsichtsbehörde Federal Aviation Administration (FAA) gekommen ist, teilte das US-Verkehrsministerium mit.

Das US-Justizministerium rückte bereits nach dem Absturz einer 737 MAX 8 in Indonesien bei Boeing und der FAA an. „Jemand hat einen Fehler begangen und versucht danach, ihn zu vertuschen“, grenzt der frühere Ermittler des Justizministeriums Ryan Rohlfsen den „klassischen Anhaltspunkt für betrügerische und kriminelle Absichten“ von einem einfachen „Fehler ohne kriminellen Hintergrund“ ab.

Nun hat sich laut einem Zeitungsbericht der Seattle Times auch das FBI in die strafrechtlichen Ermittlungen im Zusammenhang mit der Zulassung von Boeings Unglücksflieger 737 MAX angeschlossen. Die Bundespolizei soll mit ihren beträchtlichen Ressourcen eine bereits laufende Untersuchung des Verkehrsministeriums unterstützen.

Prüfte die FAA nicht sorgfältig genug?

Eine von Boeing vorlegte Risikoanalyse zum MAX-Fluglagekorrektor MCAS warf laut Insidern Fragen auf. Dennoch stieg die FAA nicht tiefer in eine Prüfung des Systems und seiner Fehlertoleranz ein – hielt ihre Experten möglicherweise sogar von genauerem Hinsehen ab und delegierte Aufgaben an Boeing zur Selbstkontrolle.

Französische Flugunfallexperten des BEA konnten bei Auswertung der Flugschreiber der abgestürzten 737 MAX 8 – Flug ET302 – von Ethiopian Airlines inzwischen Parallelen zum Unfall bei Lion Air – Flug JT610 – herstellen.

Erst nach dem zweiten Totalverlust einer 737 MAX 8 innerhalb von fünf Monaten und insgesamt 346 Opfern rückte Boeing damit heraus, dass ein Softwareupdate für das MCAS „in enger Zusammenarbeit mit der FAA“ bereits seit dem Absturz in Indonesien in Arbeit ist.

Foto: BEA

Die Untersuchung der Flugschreiber von Flug ET302 brachte laut BEA Parallelen zum verunglückten Lion Air-Flug JT610 ans Licht.

EASA und Transport Canada prüfen selbst

Ein neu abgesteckter MCAS-Regelbereich werde ein „bereits sicheres Flugzeug noch sicherer machen“, ließ Boeing-Chef Dennis Muilenburg seine Sprecher am 11. März verbreiten. Die FAA stärkte Boeing mit einer „Continued Airworthiness Notification“ für die 737 MAX im gleichen Moment den Rücken. Zwei Tage später jedoch groundete auch die FAA – als letzter der international tonangebenden Luftfahrtregulierer – die 737 MAX.

Hybris und eine zwischen Boeing und FAA wohl koordinierte Informationspolitik lassen inzwischen selbst langjährige Partner abrücken: die Luftfahrtbehörden von Europa und Kanada wollen vor einer Aufhebung der Flugverbote das MCAS-Update eigenen Stresstests unterziehen – und sich kein zweites Mal blind auf ein Sicherheitstestat der FAA verlassen.

„Es gibt Hinweise, nach denen die beiden Behörde einen Schritt weiter gehen und die Zertifizierung der 737 MAX insgesamt neu aufrollen könnten“, sagte der Luftfahrtanalyst Scott Hamilton von „Leeham News“. Er gehe inzwischen nicht mehr davon aus, dass das Grounding der 737 MAX bis Mai aufgehoben werde.

Die meisten Piloten hörten Ende 2018 zum ersten Mal von der Existenz des MCAS in ihren 737 MAX – auch das hat für erhebliche Irritationen in der Branche gesorgt. Die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit nannte die Sperrung des Flugzeugtyps später einen „drastischen Schritt“ und forderte eine „gründliche Untersuchung“.

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